AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

Kolumne

Hier poste ich in regelmäßigen Abständen meine Familienleben-Kolumne, auch zu lesen in der Lüneburger Benefit/Zitrus.

Unten der neuste Text, in den Kategorien rechts (bzw. unten) weitere.

Ich freue mich über neue Leser und Kommentare. Viel Spaß!

Cathrin

Vor der Glotze

Juhu, Wochenende! Und Herbst! Die Sofazeit bricht wieder an! „Können wir heute Abend einen Film gucken“, fragt der Sohn. „Und dazu naschen!“, ruft die Tochter. Der Gatte geht los, um Chips und Schokolade zu kaufen. Die Kinder überlegen in der Zwischenzeit, was sie sehen wollen – nach dem siebzehnten Trailer kommt der Gatte zurück. Er hat im Supermarkt außer einer Riesenladung Junkfood auch gleich eine DVD gekauft. Was für ein Glück, so hat die Sucherei nach dem richtigen Film ein Ende.

Wir hauen uns also alle auf die Couch und los geht’s. Beim Vorspann lese ich den Klappentext. Hört sich nach einem schönen Kinderfilm an, frei ab sechs. Nach ungefähr einer Viertelstunde, in der die Mutter der Hauptfigur, eines zirka zehnjährigen Jungen, ständig Schwächeanfälle hat und sich alle irgendwie seltsam benehmen, schwant mir Böses. Ich frage den Gatten flüsternd: „Kann es sein, dass gleich die Mutter stirbt?! Dann machen wir lieber jetzt aus!“ „Nein, auf keinen Fall, das ist doch ein Kinderfilm. Bestimmt ist sie nur krank, am Ende wird sie wieder gesund und alles ist gut.“ Ich lasse mich vorerst beruhigen, außerdem haben wir lange den Punkt überschritten, an dem man einfach den Fernseher ausschalten und sagen kann: „So, ab ins Bett. Jetzt passiert nichts Spannendes mehr, gleich kommt nur noch das Happyend, das könnt Ihr euch ja auch denken.“ – Fünf Minuten später ist die Mutter tot, der Vater zum Alkoholiker geworden und das Kind traurig und vernachlässigt. Unsere Tochter schimpft, was für ein bescheuerter Film das eigentlich sei, der Sohn starrt schockiert mit großen Augen auf das unfassbare Geschehen, das da vor ihm abflimmert. Eigentlich wollen nun beide nicht mehr weitergucken – aber wir zwingen sie! „Jetzt müsst Ihr auch das Ende sehen, sonst ist das ja total deprimierend! Bestimmt wird noch irgendwie – äh – alles gut.“ „Was?“, schreit die Tochter. „Wie das denn? Die Mutter ist doch tot, oder wird die wieder lebendig?“ Kurz überlege ich, ob ich doch ausmache und genau das einfach behaupte – aber verarschen lassen sich meine Kinder natürlich auch nicht. Also weitergucken und hoffen. Glücklicherweise überwindet der Vater am Ende sein Alkoholproblem und kümmert sich wieder um seinen Sohn; die positive Botschaft des Filmes bleibt trotzdem recht nebulös – wir denken uns eine aus und reden, bevor sie endlich ins Bett dürfen, noch eine halbe Stunde auf unsere Kinder ein, um bleibende Schäden und Ängste zu verhindern. Ihr einhelliges Fazit, abends um elf nach DVD, Diskussion und elterlichem Vortrag: „War trotzdem scheiße.“

Am darauffolgenden Wochenende gucken wir einen Film, in dem sich die Eltern der Hauptfigur trennen – bestimmt kommen sie ja zum Schluss wieder zusammen, denken wir die ganze Zeit. Nichts da, am Ende fragt die beste Freundin die Protagonistin: „Passen deine Eltern überhaupt zusammen?“ Und Zack: Nein, tun sie nicht, sie lassen sich scheiden. Wieder ewige Diskutiererei nach dem Film und die Kinder viel zu spät im Bett.

Noch einen Samstag später ziehen wir vorrübergehend Star Wars in Erwägung – bis mir einfällt, dass sich da ja Anakin schreiend, schmelzend und unter Schmerzen inmitten düsterer Lawaströme in Darth Vader verwandelt, nachdem seine Mutter vorher entführt und ermordet worden ist und er aus Rache alle niedergemetzelt hat. Dasselbe Problem bei Harry Potter – da müsste man ständig Voldemort, Totesser und Dementoren vorspulen. Dem Psychoterror der letzten Wochenenden müssen ja nicht auch noch diese Horrorbilder folgen.

Wenn ich ehrlich bin, gefallen mir persönlich diese Filme ja alle ziemlich gut: Erstere sind anspruchsvoll, realistisch, stimmen nachdenklich, letztere so richtig schön actionreich und spannend. Und wäre es nicht wunderbar, wenn wir bei Filmabenden alle vier auf unsere Kosten kämen? Doch die Kinder haben wir wohl überfordert mit zu vielen Themen, die zwar im wahren Leben vorkommen, aber ganz schön schwer auszuhalten sind. Mit den spannenden Action- und Fantasyfilmen warten wir auch lieber noch – vorerst gibt es Star Wars nur als Lego, Harry Potter nur in Buchform und die Bilder dazu nur selbstgemacht im Kopf. Also gucken wir nächstes Wochenende mal etwas Lustiges, frei ab Null! Denn so wertvoll die „Problemfilme“ sind und so sehr sie uns und unsere Kinder zum Nachdenken und Diskutieren anregen – zwischendurch braucht man auch mal Hanni und Nanni, Ice Age und Peter Rabbit. Und bei viel Gelächter wappnen wir uns so für die manchmal harte Wirklichkeit.

(c) Cathrin Claußen, September 2018

One Response so far.

  1. Nico sagt:

    Schöne Geschichte vom Selbständig werden und Loslassen können.

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