AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

Kolumne

Hier poste ich in regelmäßigen Abständen meine Familienleben-Kolumne, auch zu lesen in der Lüneburger Benefit/Zitrus.

Unten der neuste Text, in den Kategorien rechts (bzw. unten) weitere.

Ich freue mich über neue Leser und Kommentare. Viel Spaß!

Cathrin

 

Neue Wege gehen

„Möge die Straße dir entgegenkommen.
Möge der Wind immer in deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf deine Felder fallen.“

(Irischer Reisesegen)

„Ich muss den geraden Weg gehen, ich bin hier der Geschädigte“, empört sich der ältere Herr, dem ein junger Mann hinten ins Auto gefahren ist. Die zweitausend Euro, die der unsichtbare Schaden an der Stoßstange des BMWs kostet, könne der andere (21, im alten Polo, dessen Front nun total zerbeult ist) ja an die Versicherung zurückzahlen, wenn er nicht hochgestuft werden wolle. Ich bin Zeugin und ratlos – der Herr ist ja im Recht, aber trotzdem möchte ich ihn am liebsten dazu bringen, einfach Mal ein Auge zuzudrücken, ist doch eigentlich gar nichts zu sehen an seinem Wagen. Aber natürlich ist die Lage eindeutig, Pech für den jungen Mann.

Später schreibe ich Karten an Kinder von Freunden, die in den nächsten Tagen konfirmiert werden und denke dabei weiter über Wege nach, stoße im Internet auf viele Treffer. „Am Arsch vorbei führt auch ein Weg“ ist zu diesem Thema auf jeden Fall der Ratgeber mit dem kreativsten Titel. Aber besonders freue ich mich über ein fast vergessenes Gedicht von Robert Frost und den „Irischen Reisesegen“. Ein bisschen wehmütig erinnere ich mich an eigene Wege, an Irrwege, Mittelwege, Umwege, gemeinsame und sich trennende Wege.

Wenn man Kinder hat, kreuzen sich logischerweise viele Wege mit Menschen, die man als Eltern von deren Spielkameraden, Kitagenossen, Schulfreunden kennenlernt. Bei einigen ergreift man lieber gleich mit wehenden Fahnen die Flucht. Manche trifft man einmal und macht danach jedes Mal schnell kehrt, bevor sie einen entdeckt haben. Vielen winkt man immer wieder kurz zu, ein paar Leuten kann man nie entkommen, manchen rennt man ewig hinterher. Mit einigen stößt man ständig zusammen, bei ein paar Menschen bleibt man gern länger stehen, mit manchen geht man ein Stück, bevor man feststellt, dass einen außer der Kinder im selben Alter nicht viel verbindet – und einige ganz wenige, besondere begleiten einen jahrelang.

Viele Nachmittage auf Spielplätzen, Sommerfeste im Park, Demos und KLPs, Tränen und Matsch, Rotwein und Bionade, verwüstete Kinderzimmer und runtergekrachte Hängematten, Gezank, Geschrei, Getröste und Geknuddel, Silvesterfeiern und Osterfeuer, Radtouren, Adventskränze und Kochabende, Kindergeburtstage und Gartenpartys durchwandert man dann zusammen – bis die ersten Krabbelkinder plötzlich über einen hinauswachsen und sie, die bei so vielem Unternehmungen dabei waren – erst im Kinderwagen, dann an der Hand auf den eigenen Füßen, später auf Rad, Roller, Inlinern oder Skateboard hinter ihren quasselnden Eltern hergeeiert oder vorneweg gedüst sind – gehen jetzt neue Wege, eigene, ohne uns.

Ich wünsche ihnen, dass sie nicht nur den geraden Weg gehen, nicht immer den einfachsten, nicht den, den alle nehmen und noch nicht einmal immer den, der ihr „gutes Recht“ ist. Ich hoffe, dass sie Umwege freundlich willkommen heißen, im Vertrauen darauf, dass diese irgendwann ihren Sinn offenbaren werden, dass sie Holzwege erkennen und es schaffen, dann einfach umzudrehen. Dass sie hin und wieder stehenbleiben, sich wundern, genießen – die Sonne warm im Gesicht und den Wind im Rücken – und bei all dem ein paar echte Freunde und liebevolle Menschen an ihrer Seite haben. Und dass auch wir Eltern weiter mit gehen dürfen, mit Abstand vielleicht, aber doch in der Nähe.

(c) Cathrin Claußen, Mai 2018

 

One Response so far.

  1. Nico sagt:

    Schöne Geschichte vom Selbständig werden und Loslassen können.

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