AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

Vom Loslassen

„Soll ich mit reinkommen?“, frage ich meine Tochter, die eine Impfung kriegen soll. „Nein, ich geh alleine“, ist die Antwort, wie so oft in letzter Zeit. Chor, Zahnarzt, Hausaufgaben, Geschenk für die Freundin besorgen, einkaufen – kann sie alles alleine. Hilfe braucht sie kaum noch, schon gar nicht muss Mama irgendwo mit reinkommen.

„Kommt Ihr ein paar Stunden ohne mich aus oder wollt Ihr lieber mitkommen?“ – „Nein, alleine bleiben, juhu!“ Sogar der Sohn hat kein Problem damit, eigentlich muss nicht mal die große Schwester noch da sein. Während meiner Chorprobe gucke ich trotzdem hundert Mal aufs Handy und nerve alle mit der Sorge um meine armen Kinder, die jetzt allein zu Hause sind, stundenlang, am Wochenende! Hoffentlich langweilen sie sich nicht oder fühlen sich vernachlässigt!

Als ich nach Hause komme, stehen meine Kinder rufend und winkend am Fenster, rennen mir dann entgegen, fallen mir glücklich in die Arme, drücken sich erleichtert schluchzend an mich und wollen für immer bei mir bleiben. Male ich mir auf dem Heimweg aus.

Als ich nach Hause komme, interessiert das meine Kinder nicht die Bohne und sie widmen sich weiter dem, was sie gerade so tun und wollen auch gar nicht mit mir reden. Oder spazieren gehen. Oder etwas spielen. Traurig setze ich mich auf die Terrasse und freue mich, dass die Katze kommt und kurz um mich herumstreicht – bevor sie dann durch die Hecke im Nachbargarten verschwindet. „Ja, lasst mich nur alle alleine, ich les jetzt in Ruhe mein Buch weiter.“

Gestern erst hab ich doch noch am Gitterbett gesessen und zum Einschlafen Händchen gehalten, den Kleinen in der Karre rumgeschoben und musste in den Chorproben der Großen mit im Raum bleiben. Ein Wimpernschlag nur und Jahre sind vergangen, plötzlich können sie laufen und sprechen und schon laufen sie immer weiter weg und sagen ständig Nein zu allem. Und beim nächsten Wimpernschlag sind sie ausgezogen.

Aber dann werden sie auch bereit sein für ein glückliches und selbstbestimmtes Leben, tröste ich mich, und hoffe, dass ich noch viele Situationen, wie zum Beispiel den Ausflug mit meiner Tochter und ein paar ihrer Freundinnen zum Skaterplatz erleben werde. Zielstrebig hatten die Elfjährigen die Rampen angesteuert, die gut besucht waren von älteren Jungs, welche laut palavernd und im Affenzahn auf und um die diversen Rampen pesten oder rauchend darauf herumhingen.

Ich rechnete schon damit, dass die Mädchen kehrt machen würden. Aber völlig unbeeindruckt sausten sie einfach mittenrein, ließen sich nicht abschrecken von den supercoolen Sechzehnjährigen, die natürlich nie bremsten oder auswichen, sondern deutlich genervt vom Eindringen der „kleinen“ Mädchen in ihr Territorium waren. Die kümmerten sich aber einfach nicht um die bösen Blicke, sondern fuhren fröhlich mit ihren Rollern, Inlinern und Waveboards auf die Rampen, manche langsam und ganz wackelig, andere ziemlich versiert und schnell, aber alle selbstbewusst und ohne Scheu.

Keine hatte an diesem Nachmittag offenbar das Gefühl gehabt, nicht gut genug, alt genug oder männlich genug zu sein, um hier fahren zu dürfen. – Was kann ich mir mehr für meine Kinder wünschen, als dass sie mit dieser Freude und diesem Selbstvertrauen durchs Leben gehen? Da werde ich es schon verschmerzen, dass ich nicht mehr überall dabei sein darf …

„Mama, wollen wir Monopoly spielen?“, ruft der Sohn. „Erst ein bisschen Fußball im Garten, ihr beide gegen mich“, sagt die Tochter. „Gleich, ich les nur noch das Kapitel zu Ende“, antworte ich und freue mich.

(c) Cathrin Claußen, Juni 2017

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