AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

Gerechtigkeit ist ungerecht

„Dann krieg ich aber auch noch einen Schokoriegel, das ist sonst ungerecht!“, fordert mein Sohn empört, als er seine Schwester mit einem ebensolchen im Garten verschwinden sieht. „Du isst doch gerade ein Eis“, antworte ich. „Aber sie hatte vorhin auch eins.“ Das stimmt. „Dann hol dir eben noch n Riegel.“ Gesagt, getan – und dann nur mit Mühe geschafft, ihn aufzuessen, mit dem tropfenden Eis in der anderen Hand. Egal – schön, wenn es so einfach ist, gerecht zu sein. Jeder kriegt gleich viele Süßigkeiten, Fernseheinheiten, Computerzeiten, Mortadella-Scheiben, alles kein Problem.

 

Aber dann kommt die Familie zu Besuch und alle wollen neben Oma sitzen, was natürlich nicht geht. Oma hat nur zwei Seiten, bräuchte aber fünf (wenn Opa, Onkel, Gatte und ich verzichten). In der Mitte, also neben der Torte auf dem Tisch sitzen, will sie nicht – also haut der Gatte auf selbigen und sagt, wer wo sitzen muss bzw. darf. Es wird geschmollt, aber zumindest ist Ruhe.

 

Später fahren wir auf die Kulturelle Landpartie, vier Erwachsene, fünf Kinder. Nach nur einer Stunde Diskussion, zwei Litern Tränen, fünf heiseren Kindern und einer Runde Arnica-Kügelchen bzw. Rescue-Tropfen für alle ist geklärt, wer mit wem in welchem Auto fährt. Ich bin Opa und den drei kleinen Jungs zugeteilt. Es wird sich erst mal geprügelt, wer in der Mitte sitzen darf (warum das der beste Platz sein soll, ist mir schleierhaft). Ich weiß Rat, damit es auch gerecht zugeht: abwechselnd! – Wir haben praktischerweise drei Wegstrecken, von denen ich behaupte, sie seien auf Meter und Sekunde genau gleich lang. Das heißt aber, dass auch mal zwei Brüder nebeneinander sitzen müssen, die sich die ganze Zeit streiten. Opa schreit: Ruhe jetzt! Wir halten an und ich befehle: Plätze wieder tauschen, so bleibt das jetzt für immer! Keine Diskussion!

 

So ist das eben mit der Gerechtigkeit – eigentlich gibt es keine und wenn doch, ist sie sauanstrengend und manchmal auch total idiotisch. Und verrückterweise oft noch nicht einmal gerecht. Jedenfalls nicht für alle – Oma hätte zum Beispiel gern noch mehr Kunst angeguckt, Opa am liebsten noch weniger und die Kinder wollten eigentlich gar keine Kunst, sondern immer nur Eis und Brause.

 

Apropos Eis, Brause, Kunst, Torte, Ausflüge, Frieden, Freiheit – ich will gar nicht erst davon anfangen, wie ungerecht es ist, dass 80 Prozent der Weltbevölkerung nichts oder kaum etwas davon haben und die Allerreichsten, die nur ein Prozent davon ausmachen, inzwischen mehr besitzen als die restlichen 99 Prozent zusammen. Da hilft wohl nur noch: positiv denken und sich einfach alles vom Universum wünschen, was man gerne hätte. Vielleicht schmeißt das ungerechte Miststück ja mal keine Bomben, sondern zufällig auch mal was Schönes oder Nützliches auf die runter, die es am meisten brauchen. Hoffen kann man ja und wünschen darf man sich alles.

 

In der Zwischenzeit hier mein Gerechtigkeitsrezept für Eltern:

Eis: schnell aufessen, bevor es schmilzt und alles vollsaut

Brause: ist ungesund

Sitzplätze: Hauptsache, es ist Ruhe

Oma: darf auch mal was wollen

Opa: darf auch mal neben Oma sitzen

Geld: macht eh nicht glücklich

Liebe und Aufmerksamkeit: ruhig in rauen Mengen verschwenden

(c) Cathrin Claußen, 11.5.2016

 

 

 

 

 

 

 

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