AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

„Nur zu Hause ist der Mensch ganz.“ (Jean Paul)

„Wann sind wir endlich da-ha?“, rufen die Kinder einstimmig von hinten. Wir sitzen im Auto und sind auf dem Rückweg aus dem Sommerurlaub. „Ba-hald!“, flöte ich voller Vorfreude zurück. „Ich kann schon unser Haus sehen!“, meldet die Tochter eine halbe Stunde später. Ja! Da steht es, immer noch so, wie wir es verlassen haben, und lächelt uns entgegen mit seinem Rosenmund, den rechteckigen Augen, der Glasbausteinnase und dem neuen gläsernen Hut. Als ich die Tür aufschließe, kommt uns maunzend unsere Katze entgegen, die Kinder begrüßen sie stürmisch und laufen dann als erstes in ihre Zimmer – ein Glück: alles noch da, sogar die Unordnung. Schön, wieder zu Hause zu sein.

 

In den Herbstferien verreisen wir nicht. Die Kinder wollen auch gar nicht weg. „Wir waren schon in den Sommerferien so viel woanders, wir hatten gar keine Zeit, mal hier zu spielen!“ Uns ist das recht, wir haben ohnehin andere Pläne. Wir wollen unser Zuhause noch ein bisschen schöner machen. Für den Gatten heißt das: weiter das Dach ausbauen, für mich: schlaue Kommentare dazu abgeben und inkompetente Fragen stellen. Und hin und wieder mal etwas halten, mit hochtragen oder Werkzeug anreichen – wobei Letzteres eher der Sohn tut. Außerdem ein bisschen Gartenarbeit, einen alten Schrank verkaufen, eine neue Garderobe bauen. Ausflüge unternehmen und abends nach Hause kommen, den Ofen anmachen, in die Flammen schauen oder den Blick durchs Zimmer schweifen lassen, sich wohlfühlen und freuen: über die Hortensien vor dem Fenster, die sich im Herbst immer so schön verfärben; über unsere Katze, die sich gerade wieder ein neues Plätzchen in einem stehengelassenen Korb mit Handtüchern ausgesucht hat und friedlich zusammengerollt wie eine Metapher für Geborgenheit daliegt; über den großen Küchentisch – ein Ebay-Schnäppchen, das der Gatte auf dem Autodach hierher transportiert hat und auf dem sich abends lauter Köstlichkeiten türmen: frisches Brot, Käse, Schinken, Tomaten und oft noch eine heiße Suppe dazu.

 

Dann fängt die Schule wieder an. Am ersten Abend beim Essen erzählt der Sohn: „Wir haben jetzt zwei neue Mädchen in der Klasse. Die sind Flüchtlinge und kommen aus Syrien und können gar kein Deutsch. Da ist Krieg und es gibt kein Brot und die schießen sogar Kinder tot!“ Schlagartig hält so das Thema Flüchtlingskrise Einzug in unser Zuhause, rückt näher heran, wie alles, was uns plötzlich persönlich betrifft. Das Brot bleibt uns im Hals stecken.

 

Wie es sich wohl anfühlt, sein Zuhause, oft auch seine Familie, zurückzulassen und sich aufzumachen – nicht in die Ferien, aus denen man dann mit neuen Eindrücken und schönen Urlaubserinnerungen zurückkehrt in seine vertraute Umgebung, sondern in eine ungewisse Zukunft in einem fremden Land? Ohne zu wissen, ob und wo man bleiben kann, wie willkommen man da ist und ob man überhaupt die lange gefährliche Reise überlebt. Wird man je wieder erwartungsvoll eine Straße entlangkommen, wissen, hinter der nächsten Ecke steht mein Zuhause, dort bin ich in Frieden und Sicherheit, dort leben meine Lieben, dort geht es mir gut – oder gibt es dort dann nur noch Trümmer? Oder nichts mehr?

 

Jetzt lernen meine Kinder in der Schule etwas über Syrien und Afghanistan und nehmen ihre neuen Mitschülerinnen an die Hand, damit sie den Weg zur Sporthalle finden. Hoffentlich finden Sie hier auch ein sicheres Zuhause.

(c) Cathrin Claußen, 6.11.2015

 

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