AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

Ohne Helm und ohne Gurt

„Tolles Vorbild“, empört sich ein Junge, der brav an der Ampel wartet, während ich mit meinem Rad noch schnell rüberfahre, weil sie gerade – aber auch wirklich exakt in dem Moment, als ich in der Mitte der Straße bin – auf Rot umspringt. Ich rechtfertige mich zerknirscht vor dem Jungen und seine Mutter lächelt mich entschuldigend an. Sie weiß wohl auch, wie schwer es ist, sich permanent korrekt und vorbildlich zu verhalten. Vielleicht fährt sie wie ich auch gerne nachts über rote Ampeln, wenn kein Kind weit und breit in Sicht ist? „Mama, was wollte der Junge?“, fragt mein Sohn, der es natürlich noch bei Grün über die Straße geschafft hatte. „Bist Du über Rot gefahren??“ Ja-ha, ich tu’s auch nie wieder… „Steig bitte ab und schiebe über den Zebrastreifen, wie oft muss ich Dir das noch sagen!“, meckere ich dann eine Ecke weiter. „Machst Du auch nicht immer, hab ich neulich aus dem Fenster gesehen“, kontert er. Mist, schon wieder erwischt.

Meine Freundin, die ich – im Gegensatz zu meinen Kindern – an Straßenkreuzungen immer festhalten muss, damit sie nicht überfahren wird, würde sagen: „Kann ich nicht einfach das schlechte Vorbild sein? Das brauchen Kinder doch auch, dann kann man sagen: Mach das nicht wie die Frau da, das ist ganz falsch und gefährlich!“ Meine andere Freundin transportiert ihren Säugling im Auto meist in der Kinderwagenschale im Kofferraum – damit sie die Kleine nicht wecken muss, um sie in den doofen Maxi-Cosi zu schnallen. „Sie schläft doch gerade. Und da mag sie auch einfach nicht drin sein.“ Eigentlich so, wie früher unsere Eltern, nur dass die dabei auch noch geraucht haben – bei geschlossenen Fenstern versteht sich, damit wir Kinder uns nicht erkälten oder „Zug kriegen“.

Ich kenne aber auch Erwachsene, die immer mit Helm Fahrrad fahren, sich im Reisebus anschnallen und stets nach links, nach rechts und wieder nach links gucken, wenn sie über die Straße gehen, sogar nachts und ohne Kinder. Manche bringen ihren Nachwuchs mit dem Auto zur 500 Meter entfernten Schule, dann noch bis in die Klasse und vielleicht später auch ins Büro. Es ist nicht leicht, einen Mittelweg zu finden, zwischen Aufpassen und Loslassen, Vertrauen und Kümmern. Das eine Kind balanciert mit drei problemlos nackt und unbeaufsichtigt auf wackeligen Balken, aus denen rostige Nägel ragen, an Seeufern herum; das andere brettert auf gut befestigten, breiten Wegen ohne Hindernisse mit dem Laufrad zielgenau gegen den einzigen Baum weit und breit und bricht sich trotz Helm die Nase, obwohl Mama schon den ganzen Weg erklärt hat, wo es gleich aufpassen muss. So ein Mist, dass man nicht alles kontrollieren kann, ein Rest Unsicherheit bleibt wohl immer. Aber eins ist klar: Das Leben ist zu kurz, um nachts auf verlassenen Straßen an roten Ampeln stehenzubleiben – außer man will gerne.

Wie gut, dass die meisten Kinder schon früh selbst denken können, wenn man sie lässt. „Oh Mist, mein Großer, schon so spät! Und Dein Fahrrad steht ja noch am Kindergarten. Na, komm, spring schnell bei Mama auf den Gepäckträger. Aber gut festhalten!“ „Warte, Mama, ich brauch noch meinen Helm.“

(c) Cathrin Claußen, 8.5.2015

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