AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

Der Girsch ist wieder da!

Endlich – der Garten ruft! Die Sonne scheint in mein Bürofenster, Wuschel, das Eichhörnchen, springt von Baum zu Baum und hier und da sprießen neue Walnussbäume aus den Nüssen, die es überall vergraben hat.

Fröhlich garniert der Maulwurf unseren bemoosten Rasen mit frischen, braunen Hügeln, die Wühlmäuse graben neue Löcher, die Schnecken lassen sich den Rittersporn schmecken, die Blattläuse die zarten Rosenknospen und unser Kater eine Amsel, die sich vorlaut zwitschernd etwas zu nah an ihn herangewagt hat. „Die hat ihn aber auch echt geärgert“, trösten sich meine Kinder selbst, als sie diese doch etwas erschreckende Seite an unserem süßen Schmusekätzchen entdecken müssen. Der Lauf der Natur …

Apropos, Lauf der Natur. Das Unkraut ist auch zurück aus der Winterpause, wird immer höher und tut so, als würde es irgendwann noch zu schönen Blumen werden, so dass ich es stehen lasse, noch mal abwarte, versuche mich zu erinnern, was ich letztes Jahr alles spontan irgendwo ausgesät oder eingepflanzt habe. Könnten das hier nicht mal Ringelblumen werden? Und das da ist doch bestimmt ein Storchenschnabel? – Das dem nicht so ist, weiß ich spätestens als meine Eltern ihre Enkel, die ein paar Tage Ferien bei ihnen gemacht haben, zurückbringen, meine Tochter aus dem Auto steigt, entsetzt das Rosenbeet begutachtet und ruft: „Mama, das ist alles Unkraut! Das musst Du rausreißen!“ Sie war eine Woche in der Lehre bei Oma und hat gejätet, was das Zeug hält. Später fragt mich meine Mutter noch, was das für braune Blätter sind, die hauptsächlich in dem neuen Beet wachsen, das sie letztes Jahr extra für mich angelegt hat, und die nun alles andere verdecken. „Das ist aber wirklich kein Unkraut!“, verteidige ich mich. Sondern Zierlauch, der denkt er sei eine Zwiebel, was er ja auch irgendwie ist, und deshalb schon vor dem Blühen untenherum anfängt zu welken.

„Mama, komm mal, der Giersch ist wieder da!“, ruft da begeistert mein Sohn aus der anderen Ecke des Gartens. Und wirklich, da sprießt er, unser alter Freund, den man abrupfen, ausgraben, abdecken, überpflanzen und runtermähen kann, so oft man will, er kommt doch immer zurück, genau wie diese Schlingpflanze, die erst ganz niedlich aussieht, zart weiß blüht, ganz lieb und harmlos, und dann plötzlich sämtliche andere Pflanzen überwuchert. Und auch sonst ist plötzlich alles, das man loswerden wollte, wieder da. Wie so vieles Vergrabenes, Vergessens und Verdrängtes im Leben kommt es immer wieder hoch, wächst und wuchert – vielleicht so lange, bis man seinen Frieden damit schließt.

Auch der Löwenzahn sprießt zwischen den Gehwegplatten und auf dem neuen Kiesweg, lässt sich nicht unterkriegen von Beton und Stein und auch nicht vom Gatten, der ihm unermüdlich mit seinem Unkrautpickel (oder wie immer das Ding heißt) zu Leibe rückt.

Und unter dem Klettergerüst wächst auch noch ein anderes Kraut wieder in Massen. Wenn man es herausreißt, rinnt ein Saft aus den Stengeln, der die Finger für Tage gelb färbt. Aber er hilft gegen Warzen.

„Wie klug mein Garten ist, wie frei und stark und hilfsbereit!“, denke ich unwillkürlich. Ich werde ihn einfach machen lassen und mir ein Beispiel an ihm nehmen. Vielleicht mal über ein Gierschbeet und ein paar Löwenzahnrabatten nachdenken, mich an dem vielen Grün und den zarten Pusteblumen freuen, deren Schirmchen kilometerweit fliegen können.

(c) Cathrin Claußen, 3.6.2014

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