AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

Allein zu Haus

Nächste Woche habe ich drei Tage das Haus und mein Leben für mich, herrlich, diese Vorstellung. Schon vorher male ich mir aus, was ich alles tun, wie sinnvoll ich diese Zeit ohne Mann und Kinder nutzen werde. Ich kann in Ruhe arbeiten, muss nicht mittags aufhören, um die Kinder pünktlich abzuholen, kann einfach weitermachen, solange ich brauche und will. Außerdem kann ich ratzfatz auch noch ein paar Haushaltsdinge erledigen, die in Anwesenheit der Kinder immer dreimal so lange dauern, mal die Bettbezüge waschen, die es bitter nötig haben, z.B. . Und es wird auch noch Zeit sein, für ein paar kreative Tätigkeiten – ich wollte doch schon lange mal wieder malen. Außerdem kann ich natürlich abends ausgehen, sogar schon vor dem Abendbrot – und das kann ich auch mal ganz ausfallen lassen (und einfach nur Chips und Schokolade essen) oder es wahlweise mit den Füßen auf dem Couchtisch vor der Glotze, bei einem Glas Wein mit Freunden im Restaurant oder im Stehen am Imbissstand zu mir nehmen! Mal nicht Vorbild sein und auf gute Tischmanieren und ausgewogene Ernährung achten. Herrlich.

Dann werde ich noch all die Freunde anrufen, mit denen ich länger nicht gesprochen habe. Und endlich das Album mit den letzten Urlaubsfotos gestalten und bestellen (vielleicht auch gleich alle Fotos der letzten sechs Jahre sortieren!). Lesen. Schreiben. Ein bisschen was im Garten machen. Jeden Morgen laufen gehen.

Ach, was werde ich für eine ausgefüllte halbe Woche haben, ich kann es kaum noch abwarten. Der Tag rückt näher und endlich ist er fast da… Am Abend vorher kriegen meine Kinder einen Extra-Gutenachtkuss und eine Extra-Geschichte. Als meine Tochter sagt: „Mama, du sollst mitkommen“, kommen mir fast die Tränen. Ich verlasse nach dem Vorlesen nur widerwillig das Kinderzimmer, und renne begeistert wieder nach oben, als der Kleine schreit, dass er nicht einschlafen kann. Da bleib ich doch gern noch ein bisschen am Bett sitzen. Am nächsten Morgen hole ich Brötchen (und ernte verwunderte Blicke von meinem Gatten, denn das macht er sonst meistens) und wir frühstücken auf der Terrasse bei herrlichem Wetter. Die Drei werden ein paar schöne Tage am Meer haben. Muscheln sammeln. Ohne mich. Vielleicht das erste Eis des Jahres essen. Ohne mich. Sandburgen bauen. Ohne mich. In Omas Garten Frühlingssonne tanken und die ersten Narzissen und Tulpen entdecken. Ohne mich. Als meine drei Liebsten ins Auto steigen und um die Ecke biegen, fühle ich mich wie gelähmt und kann mich erstmal zu gar nichts aufraffen. Schlapp setze ich mich noch einmal an den verlassenen Frühstückstisch, blinzele in die Sonne, tue mir selbst leid und grübele vor mich hin. Wo ist sie hin, meine Energie? Sie haben sie mitgenommen! Und ich muss mir eingestehen, dass sie es sind, die mir Kraft sogar für all die Dinge geben, die gar nichts mit ihnen zu tun haben. Oder haben sie das doch?

Seufzend verdrücke ich mir ein paar Tränen, tröste mich damit, dass drei Tage schnell vergehen und setze mich dann ins Büro, wo ich eine andere Energiequelle glücklicherweise bald wiederfinde: Schreiben. Und die nächsten zwei Tage – ha! – was ich da noch alles schaffen werde!

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