AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

„NIE darf ich was!“

„Mama, darf ich was Süßes?“ fragt mich meine Tochter Sonntag Morgen vor dem Frühstück. „Nein, natürlich nicht, wir frühstücken doch gleich.“ „Wollen wir mal das Planschbecken aufbauen?“, will kurz darauf der Kleine wissen. „Nein, vielleicht heute Nachmittag und auch nur, wenn es richtig heiß wird.“ Nach dem Frühstück Söhnchen: „Ist es jetzt warm genug?“ Dann die Tochter: „Darf ich jetzt was Süßes?“ Böse Mama flötet: „Nei-hein.“ Tochter flippt aus: „Manno, Mama, NIE darf ich was! Lara, aus meiner Klasse, die darf ALLES, die darf sogar IMMER noch ganz spät fernsehen und hat sogar in der Schule IMMER Süßigkeiten mit!“ – Wieso muss sie nur immer so übertreiben?

 

„Spielst Du denn mit uns ein Spiel?“, fragt der Zweitgeborene nun. Ich stöhne innerlich auf, eigentlich hab ich gerade wenig Lust, aber immerhin sind die Kinder mittlerweile alt genug, um mit ihnen nicht nur langweilige Brettspiele für Dreijährige spielen zu können, sondern auch solche, die uns allen Spaß machen – und bei denen auch mich der Ehrgeiz packt und es gar nicht mehr so leicht fällt, die Kinder gewinnen zu lassen. Im Übrigen fällt es leider aber auch gar nicht mehr so leicht zu gewinnen, denn die Brut wird immer besser. Und ich muss mir eingestehen, dass ich ja auch gar keine gute Verliererin bin. Bald werden sicher meine Kinder absichtlich verlieren, damit ich nicht beleidigt bin. So wie ich früher beim Spielen mit meiner Oma. Die hat mich nie gewinnen lassen – im Gegenteil: Je öfter ich gewann, desto missmutiger wurde meine Oma. Meist hatte sie nach zwei oder drei verlorenen Runden so schlechte Laune, dass der ganze schöne Nachmittag bei den Großeltern versaut war. Also hab ich schon in jungen Jahren angefangen, meiner Oma zum Sieg zu verhelfen – und der Tag war gerettet.

 

Schade, dass sie jetzt nicht mitspielen kann, das wäre sicher gleich heilsam für Uroma und Urenkel, die auch nicht so gut verlieren können. Die Karten sind mittlerweile verteilt und nach nur zehn Minuten ist auch geklärt, wer anfängt (ich). Der Kleine gewinnt das erste Spiel, freut sich ausgiebig und wird dafür postwendend von seiner Schwester verkloppt. „Der hat aber geschummelt, das ist ungerecht!“ Die nächste Runde gewinne ich, die Große kämpft schwer mit ihrer Wut, dann aber gewinnt sie – und prompt brüllt ihr Bruder los, schmeißt die Karten nach ihr und rollt sich beleidigt zusammen. „Also, jetzt reicht es aber! Ich spiele NIE wieder mit Euch! IMMER streitet ihr Euch!“ Huch, wer spricht? Naja, „nie“ kann man nicht oft genug sagen, das wirkt sehr überzeugend und jedem Kind ist sofort klar, wie ernst das gemeint ist.

 

Ansonsten hilft aber in solchen Situationen auch ein Süßigkeitenverbot, am besten FÜR IMMER. Genauso gut klappt auch die umgekehrte Variante: „Wenn Ihr jetzt aufhört, Rabbatz zu machen, kriegt Ihr auch EIS! Noch vor dem Frühstück! Und soviel Ihr wollt.“ Das funktioniert alles nicht? Komisch. Na, dann eben doch lieber fernsehen lassen. Oder so lange spielen, bis jeder einmal bzw. gleich oft gewonnen hat. Meist schafft man das in zwei bis drei Stunden – das ist ja keine Zeit für wahre Spielernaturen. Und sonntags hat man ja eh nichts anderes zu tun. Ich werde wohl doch bald Omas Methoden einführen.

(c) Cathrin Claußen, 19.8.2013

 

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