AUF DEN PUNKT

Cathrin Claußen

„Warte doch mal!“

„Mama! Ich hab doch keine dreiunddreißig Hände, ich kann nicht so snell!“ Da hat er wohl recht, mein kleiner Sohn, der sich in aller Seelenruhe die Schuhe verkehrt herum anzieht, während ich unruhig immer wieder auf die Uhr sehe. Mit dreiunddreißig Händen könnte man das alles viel schneller schaffen. Vielleicht hätte dann das Warten endlich ein Ende. Solange, bis uns die wachsen, wird aber wohl „Beeil Dich mal!“ der Satz sein, den ich täglich gefühlte hundertmal ausspreche und „Warte mal!“, „Gleich“ oder tiefes Schweigen werden die Antworten sein, die ich jedes Mal wieder höre bzw. nicht höre.

Geduld ist etwas, das mich meine Kinder täglich lehren und ab und zu reißt er mal, der Geduldsfaden – z.B. wenn ich nach mehrmaligem Rufen nach oben komme und die Große noch immer im Nachthemd im Bett sitzt und ihren Stoffaffen anzieht, statt sich selbst, während eine Auswahl an möglichen Kleidungsstücken um sie herum im ganzen Zimmer verteilt ist; oder der Kleine auf dem Rückweg vom Kindergarten heulend mit seinem Laufrad hinter mir her trödelt und brüllt: „MA-MA! Warte doch mal, meine Beine tun weh, ich kann nicht so snell“, obwohl ich so langsam fahre, dass ich fast umkippe oder mein Rad sowieso schon schiebe. Aber wenn ich dann meckere: „Nun mach doch endlich mal zu, wir kommen noch zu spät“, ernte ich nur Schmollen und Verständnislosigkeit und kein Quäntchen mehr Zeit.

Diese häufige Ungeduld, die diffuse Unzufriedenheit und das Gefühl, nichts schnell oder effektiv genug zu tun, immer unter Zeitdruck zu sein und trotzdem nichts zu schaffen – wann fing das eigentlich an? Als Kind konnte ich jederzeit inmitten von Chaos und Lärm alles um mich herum vergessen, weil ich in ein Buch oder ein Spiel so vertieft war, das nichts anderes mehr zählte. Ich war nicht ansprechbar, jenseits von Raum und Zeit. Heute passiert mir das leider immer seltener.

Hingebungsvoll bemüht sich mein Sohn, einem Playmobilmann seinen Fallschirm anzuziehen, meine Tochter starrt auf die Kinderseite der Tageszeitung und versucht, die Wörter darauf zu entziffern. Das dauert und fordert mal wieder meine Geduld. Es ist 7 Uhr 30, die Zähne sind noch nicht geputzt, die Brotdosen nicht eingepackt. Aber wie kann ich, wenn ich sehe, wie voll und ganz diese eine Sache gerade allen Einsatz fordert, gerade das Wichtigste auf der Welt ist, verlangen, dass sie sich beeilen, erwarten, auch nur gehört zu werden? Und als ich bemerke, welches Glück, welche Zufriedenheit meine Kinder gerade ausstrahlen, fällt mir wieder ein, dass es sich immer – auch für Erwachsene – lohnt, in etwas aufzugehen, dass Multitasking totaler Schwachsinn ist und Augenblicke wie diese doch eigentlich der Grund sind, warum das Leben überhaupt Spaß macht und Sinn hat.

„Mama, guck mal, der kann jetzt fliegen!“ Begeistert schmeißt mein Sohn sein Männchen in die Luft. Ich ducke mich schnell, um nicht versehentlich als Landeplatz für Fallschirm-Man zu dienen, während ein Leuchten auf dem Gesicht meiner Tochter zeigt, dass sie versteht, was sie liest.

Außer Geduld hab ich nun noch etwas von meinen Kindern gelernt: Wie viel besser eine mit Leidenschaft ausgeführte Arbeit wird, wie viel zufriedener sie uns macht und dass es sich manchmal lohnt, darauf zu warten.

 

(c) Cathrin Claußen, 20.5.2013

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